Versammlungsfreiheit und Corona

Die Gedanken, die Meinungen zu Corona sind ja sehr vielfältig. Und jeder hat auch das Recht und die Pflicht sich seine eigene Meinung zu diesem Virus und dem Umgang damit zu bilden. Genauso wie ich es getan habe.

Auch ich sehe es kritisch, dass der Staat so tiefgreifend in unser privates Handeln eingreifen kann. Aber ich sehe auch eine andere Seite, denn ich arbeite in einem Seniorenheim. Bevor ich gefeiert und mit Dankesreden überhäuft werde: Nein, ich arbeite nicht in der Pflege. Das ist einfach nicht meine Stärke.

Ich erlaube mir so offen zu sein, dass ich Schwierigkeiten mit offenen Wunden, Stuhlgang und Erbrochenem hätte, dass mir die Standfestigkeit fehlt Menschen „zu ihrem Glück zu zwingen“ wenn es etwa um die Reinigung einer Wunde geht oder um das gründliche Säubern des Intimbereichs, vor allem wenn der zu betreuende Mensch Gesagtes nicht mehr umsetzen kann.

So geht es wahrscheinlich einem großen Teil der Menschen, die diesen Artikel gerade lesen – sie hätten ihre Schwierigkeiten damit. Wer in die Pflege geht, braucht sehr viel: Geduld, gute Nerven, Ruhe auch im größten Stress, wenig Ekel ohne hygienische Aspekte zu vernachlässigen, gute Computerkenntnisse, eine aussagekräftige, kurze Schriftsprache, Trennung von wichtigem und unwichtigem, Menschlichkeit und Herzenswärme ohne zu weich zu sein. Wer kann das schon von sich behaupten?

Nun, auch die Menschen in der Pflege sind in erster Linie nur Menschen. Die sich einen helfenden Beruf ausgesucht haben und den auch mit viel Liebe für die anvertrauten Menschen ausüben.

Und wir schlittern gerade in eine große Krise.

Ich lese mit schaudern, dass in Würzburg in einem Seniorenheim 9 Menschen verstorben sind und 5 im Krankenhaus in Lebensgefahr schweben, plus die zusätzliche aufwendige Behandlung infektiöser, isolierter Zimmer (Stand 20.03., Quelle infranken.de) . Ich versetze mich in das Personal.

Ja, natürlich sterben in einem Seniorenheim Menschen – das ist normal und wir kommen damit klar!

Aber nicht in einem Massensterben. Ein Seniorenheim ist eine Art seltsame, verrückte, sich liebende, sich umsorgende Familie. Wir sind professionell, aber auch menschlich. Und wir kümmern uns um jeden einzelnen mit Liebe und Hingabe! Wir lassen keine Arbeit liegen, denn unsere Arbeit sind die Menschen. Wir kennen ihr Leben, ihre Eigenarten, ihre Macken, ihren Humor, ihre Geschichte, ihre Familie. Wir sind für diese Menschen da und müssen sie wahrscheinlich diesem Virus überlassen – vielleicht ohne notwendige, medizinische Versorgung, ohne Leid zu lindern, ohne Atemnot reduzieren zu können – das ist für uns unerträglich! Denn viele werden sich anstecken, das ist so gut wie unvermeidbar. Aber es müssen nicht alle auf einmal sein, wir müssen Krankenhäuser und medizinisches Personal schonen so lange es geht.

Überlegen Sie sich, wie es wäre, wenn täglich einer Ihrer Nachbarn sterben würde und sie würden ihn immerzu besuchen. Wie ginge es Ihnen dabei?

 

Und deshalb: Halten Sie sich bitte an die Ausgangsbeschränkung! Denn wir wollen, dass unsere Arbeit erträglich bleibt. Wir wollen, dass dieser Virus sich nicht zu schnell ausbreitet. Wir wollen weiterhin helfen und für die Menschen da sein.

Verstehen Sie mich nicht falsch:

Wir müssen über Versammlungsfreiheit, über öffentliches Leben, über unsere Freiheit reden und diese auch verteidigen. Wir wollen keine Diktatur und keine Steuerung von oben. Aber wir wollen auch Vernunft und Verantwortung für die Schwächsten in unserer Gesellschaft.

Und Sie können das tun, indem Sie jetzt soziale Kontakte meiden. Helfen Sie uns, unsere Arbeit gut zu machen und unsere Anvertrauten so lange wie möglich zu schützen. Wir versprechen im Gegensatz dazu, dass wir unser Bestes tun um für die Menschen zu sorgen, wegen denen Sie jetzt nicht auf die Straße gehen und sich mit niemandem treffen. Danke!

 

© Nicole Czwielong Mitglied im ÖDP KV Coburg-Kronach


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